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Fragestellung und Forschungsstand

Der Personenkult, der sich, vor allem seit seinem Tod gezielt von der GMD entwickelt, in China um Sun rankte, fand im Westen kaum Widerhall. So ist denn auch die erste kritische westliche Biographie nach seinem Tod von dem Bemühen getragen, zu einer realistischen Einschätzung Suns zu kommen.[2] Die nachfolgenden Studien konnten bei ihren immer weiter gehenden Sun-Demontagen auf diesem gut recherchierten und hellsichtigen Werk aufbauen. Die wohlwollenderen Analysen relativierten vor allem Suns Bedeutung für die Revolution, in anderen wurden darüber hinaus Zweifel an seinem – in der chinesischen Tradition stets strapazierten – selbstlosen, bescheidenen und ehrlichen Charakter deutlich.[3]
In jüngerer Zeit hat sich ein Ansatz entwickelt, der auf charakterliche Urteile weitgehend verzichtet, sondern eher Suns Charisma und Propagandatalent würdigt, ohne dabei seine Bedeutung als Akteur der Revolution zu überschätzen.[4]
Es liegt nahe, diesen neuen Ansatz auch jenseits der Sun-Biografik aufzugreifen und das Augenmerk auf die autobiografischen Darstellungen selbst zu richten.
Die besseren (der westlichen) Biografinnen und Biografen Suns stellen sich schon seit langem die Frage nach dem Quellenwert der autobiografischen Texte Suns.[5] Zu meinem Erstaunen fand sich bisher aber nicht eine Untersuchung – sei es als Buch oder als Zeitschriftenartikel – die sich der autobiografischen Texte in systematischer und übergreifender Weise angenommen hätte.

[2] Lyon Sharman, Sun Yat-sen, Repr., Hamden, CT 1965 (OA 1934).
[3] Z.B. Harold Z. Schiffrin, Sun Yat-sen, Boston 1980.
[4] Z.B. Marie-Claire Bergère, Sun Yat-sen, Paris 1994.
[5] Zuerst Lyon Sharman, die in einem Anhang ihrer Sun-Biografie das Quellen-"Terrain and Its Pitfalls" erörtert. Sharman, Sun Yat-sen, S.388-395.