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Vorgeschichte

Vom 26. bis 28. Oktober 1895 versuchte eine Gruppe kantonesischer Dynastiegegner einen Aufstand gegen die ihnen verhasste Manzhouregierung.[8] Der Plan war, die Stadt Guangzhou zu erobern und dort eine Gegenregierung zu etablieren, deren Einflussbereich sukzessive ausgebaut werden sollte. Einer der Führer der Aufständischen war der damals 29 Jahre alte Sun Wen, der im Vorjahr auf Hawaii mit einigen Gleichgesinnten die 興中會 Xingzhonghui (Gesellschaft zur Belebung Chinas) gegründet hatte.
Der Aufstand war schlecht vorbereitet, die erhoffte Waffenlieferung blieb aus, kurz: Er scheiterte noch bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Sun konnte sich, wie auch der Anführer der Aufständischen, 楊衢雲 Yang Quyun,[9] in letzter Minute dem Zugriff der Obrigkeit durch Flucht entziehen. Er schaffte es, nach Hongkong durchzukommen, von wo aus er sich bereits am 30. Oktober nach Japan einschiffte. Die chinesische Regierung setzte ein Preisgeld auf ihn aus.
In Japan änderte er sein Aussehen radikal: Er ließ sich den Zopf abschneiden und das Stirnhaar sowie einen Schnurrbart wachsen und kleidete sich fortan im westlichen Stil.
Von Japan aus reiste er im Januar 1896 nach Honolulu weiter, im Sommer desselben Jahres von dort in die Vereinigten Staaten, wo er sich am 23. September Richtung Liverpool einschiffte. Am 30. September erreichte er sein vorläufiges Reiseziel London.
Dort stand er in engem Kontakt mit seinem ehemaligen Hongkonger Lehrer und Freund James Cantlie, dessen Haus er fast täglich besuchte. Der Weg zwischen seiner Unterkunft und dem Cantlie-Domizil führte ihn stets an der Chinesischen Gesandtschaft vorbei.[10]
Spätestens während seines USA-Aufenthalts hatte ihn die chinesische Regierung wieder ins Visier genommen: Sein neues Erscheinungsbild hatte die Verfolger nicht lange verwirren können und die Chinesische Gesandtschaft in Washington ließ ihn permanent beobachten. Auch die Gesandtschaft in London ließ ihn seit seiner Ankunft beobachten – durch die renommierte Londoner Detektei Slater's.
Am 11. Oktober, zwölf Tage nach seiner Ankunft in London, wurde Sun in der chinesischen Gesandtschaft festgesetzt. Die näheren Umstände dieser Gefangennahme, insbesondere die Frage, wie er in die Gesandtschaft gekommen war – ob aus freien Stücken oder durch Überrumpelung, sind bis heute nicht zweifelsfrei geklärt.[11]
Nach zwölftägiger Gefangenschaft wurde Sun am 23. Oktober 1896 wieder freigelassen. Ihm war es zuvor gelungen, Cantlie eine Botschaft zukommen zu lassen, woraufhin dieser Scotland Yard, das Außenministerium und die Presse mobilisierte. Umringt von Reportern und regierungsseitig zur Stellungnahme aufgefordert, war der Plan der Gesandtschaft, Sun ohne Aufsehen per Schiff nach China zu bringen, damit er dort abgeurteilt werden könnte, undurchführbar geworden.
Dieser dramatische Vorfall machte Sun zu einer prominenten Figur nicht nur in London, sondern in ganz Großbritannien.[12] Die Presse riss sich um ihn – wenn auch nur für kurze Zeit. Sein Name fiel im Parlament. Suns Karriere als Berufsrevolutionär gab die Entführung entscheidenden Auftrieb: Ohne diese unverhoffte Publicity wäre er womöglich im Westen nie bekannt geworden und in China durch das Guangzhouer Desaster endgültig diskreditiert gewesen.

[8] Bei allen chronologischen Angaben folge ich, wenn nicht anders angegeben, dem 孫中山年譜長編 Sun Zhongshan nianpu changbian (SZNPCB), Beijing 1991, dem 孫中山年譜 Sun Zhongshan nianpu (SZNP), Beijing 1980, 羅剛 Luo Gang, 中華民國國父實錄 Zhonghua minguo guofu shilu, Taibei 1988, sowie der jüngsten westlichen Sun-Biografie: Bergère, Sun Yat-sen.
[9] 楊衢雲 Yang Quyun, 1861-1901. Vorsitzender der 1892 in Hongkong gegr. 輔仁文社 Furenwenshe (Literarische Gesellschaft zur Förderung der Güte), die sich 1895 mit Sun Wen zur Hongkonger Xingzhonghui zusammentat. Floh nach dem gescheiterten Aufstand nach Südafrika, leitete die Xingzhonghui nominell bis 1898. Ermordet 1901, nachdem ein Preisgeld auf ihn ausgesetzt worden war. Nach: 孫中山辭典 Sun Zhongshan cidian (SZCD), S.374; Bergère, Sun Yat-sen, S.51f.
[10] Wong, Origins, S.141.
[11] Von Sun selbst gibt es angeblich zwei unterschiedliche Versionen des Hergangs. Die spätere, nach der er freiwillig in die Gesandtschaft gekommen sei, um für seine Sache zu werben, ist (nach Wong, Origins, S.116ff.) wohl von seinem Freund und Mitstreiter 陳少白 Chen Shaobai (1869-1934) aufgebracht worden, der solchen Heroismus für propagandistisch vorteilhaft hielt.
Die detaillierteste Darstellung des rekonstruierbaren Hergangs bzw. seiner möglichen Varianten (wie auch von Suns gesamten Englandaufenthalt) liefert Wong, Origins.
[12] Es ist sicherlich übertrieben, wenn sowohl Sun selbst als auch angelsächsische Biografen meinen, er sei dadurch "weltberühmt" geworden.