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Stil

Der Text ist, einer einleitenden Entschuldigung wegen des angeblich schlechten Englisch zum Trotz, in nicht nur fehlerfreiem, sondern sehr elaboriertem Englisch verfasst. Fremdwörter und fremdsprachige Einsprengsel[16] machen deutlich, dass die Sprachkenntnisse des Verfassers nicht auf das Englische beschränkt sind, eine Kapitelüberschrift wie The Imbroglio verrät einen an Shakespeare geschulten Stil. Die Erzählweise ist locker und flüssig, stellenweise voller Humor, der Verfasser macht intensiv von wörtlicher Rede Gebrauch, die dem Text einen lebendigen Charakter verleiht. Der Autor – präziser ausgedrückt: die erzählende Instanz – setzt schon ab dem Vorwort einen autodiegetischen Erzähler ein, der mit dem impliziten Autor Sun Wen identisch sein soll.[17] Diese Erzählweise behält er auch in den drei außerhalb Suns persönlicher Erfahrung handelnden Kapiteln 5-7 bei.

[16] Z.B. "sauve qui peut", Kidnapped in London; S.26.
[17] Da im Falle von Kidnapped in London, wie ich später darlegen werde, der sauberen begrifflichen Trennung von tatsächlichem Autor, angeblichem Autor und Erzähler besondere Bedeutung zukommt, habe ich in diesem Punkt das literaturwissenschaftliche Standardwerk von Gérard Genette, Die Erzählung, München ²1998, zu Rate gezogen. Genette unterscheidet zwischen der 'narrativen Instanz' – die ich hier pragmatisch mit dem 'realen Autor' gleichsetze, dem 'impliziten Autor' und dem 'Erzähler', der in Kidnapped in London ein 'autodiegetischer Erzähler' ist. Damit ist gemeint, dass das erzählende "Ich" zugleich die Hauptperson der Geschichte ist.
(S. 174ff.; S.291).
Laut Genette sind im Normalfall realer und impliziter Autor identisch. Er nennt zwei Ausnahmen, "Betrugssituationen": Das 'Apokryph', "d.h. das perfekte Imitat ohne warnenden Paratext", und das 'nègre': "Wenn eine Berühmtheit aus Film oder Politik ein Buch mit ihrem Namen signiert, das ein anonymer Ghostwriter gegen Bezahlung geschrieben hat, soll der Leser auch hier nicht beide auktorialen Instanzen wahrnehmen, sondern nur eine, die falsche." (S. 290).