Zur
Verfasserschaft
Die
Formulierung im Vorwort von
Kidnapped in
London, ein Freund habe
"transcribed my
thoughts", lässt offen, wie wir
uns diesen Prozess genau vorstellen sollen. Die gängige Vorstellung ist die
einer sprachlich verbesserten und überarbeiteten Niederschrift eines
mündlichen Berichts
Suns[34]
– denkbar ist aber auch eine freiere Art der Übertragung. Es gab aber
auch zeitgenössische Stimmen, die die "Übertragung" in umfassenderem
Sinne verstanden. So bezeichnete beispielsweise der Rezensent des
Morning
Leader Sun als
"titular author of
the little
book".[35]
Der
hilfreiche Freund ist nicht namentlich benannt. Dass es sich dabei um James
Cantlie handelt, ist dennoch völlig unzweifelhaft. In der Sun-Forschung
umstritten war (und ist) allenfalls die Frage nach dem jeweiligen Anteil Suns
und Cantlies an dem Werk. Nachdem die oben skizzierte Vorstellung eines
Teamworks lange Zeit nicht eingehend hinterfragt wurde, hat Wong 1986 durch eine
Fülle von Indizien schlüssig dargelegt, dass Cantlie
Kidnapped in
London allein verfasst hat, und zwar
genau zwischen dem 19. November und dem 21. Dezember 1896. Neben wenig
hilfreichen sprachlichen Argumenten – die "Übertragung" durch "einen
Freund" wird ja nicht einmal im Vorwort von
Kidnapped in
London verheimlicht – bezieht er
sich auf inhaltliche Auffälligkeiten, die nur durch Cantlies
Verfasserschaft einen Sinn bekommen. Mindestens ebenso schwer wiegen eindeutige
Einträge in Mrs. Cantlies Tagebuch sowie die mündliche Tradition
innerhalb der Cantlie-Familie, nach der James Cantlie der alleinige Autor
gewesen ist – ein Familiengeheimnis, das zwei noch lebende Kinder Cantlies
Wong gegenüber
lüfteten.
[36]
Es
gibt keinen Hinweis darauf, dass die Initiative zur Publikation des Berichts von
Sun ausging. Wong vermutet, Cantlies Schwiegermutter, eine kluge
Geschäftsfrau, sei die eigentliche Initiatorin gewesen. Ihre bzw. Cantlies
Intention könnte neben anderem gewesen sein, Sun auf diese Weise Geld in
die Kasse zu
bringen.[37]
Nach Bergère war dagegen Giles, der um biografisches Material über
Sun gebeten hatte, der
Auslöser.[38]
Folgt
man Mrs. Cantlies Tagebuch, so war die Idee zuerst gewesen, Sun beim Schreiben
lediglich zu helfen – tatsächlich machte Cantlie die Arbeit dann
allein. Über die Informationen, die er dazu von Sun benötigte,
verfügte er bereits durch Suns mündliche Berichte vor der Presse, bei
Scotland Yard und im privaten Rahmen. Bevor er mit dem Schreiben anfing, hatte
er genug Gelegenheit, offene Fragen mit Sun
abzuklären.[39]
Vieles konnte er durch bereits vorhandene Kenntnisse ergänzen. Für die
Kapitel über die Freilassungsbemühungen von außen war er ohnehin
seine eigene Informationsquelle.
Wie
wenig das Ergebnis dem entsprach, was Sun Wen selbst geschrieben hätte,
werde ich, Wongs Indizienkette ergänzend, durch den Vergleich von
Kidnapped in
London mit Suns Brief an Herbert Allen
Giles deutlich
machen.[40]
Völlig
ohne Suns Zutun kam
Kidnapped in
London jedoch auf keinen Fall zustande:
Abgesehen von seinen mündlichen Berichten, die Cantlie das benötigte
Rohmaterial lieferten, hat er zumindest seinen handschriftlichen Namenszug und
das Sonnensymbol auf dem Buchdeckel direkt beigetragen.
Es
lässt sich nicht herausfinden, ob Sun das Buch im englischen Original
überhaupt je ganz durchgelesen hat. Sein Englisch war gut genug, um dem
Inhalt folgen zu können, die sprachlichen Feinheiten und vielleicht auch
einige nicht unbedeutende inhaltliche Details hätte er ohne Hilfsmittel
sicher nicht erschließen können.
Cantlies
Arbeit lässt sich also keinesfalls mit der eines normalen Ghostwriters
vergleichen: Er wurde weder beauftragt noch bezahlt, sondern handelte aus
eigenem Antrieb und – zumindest in finanzieller Hinsicht
– uneigennützigen Motiven. Zugleich muss davon ausgegangen werden,
dass Cantlie im Gegensatz zu einem Ghostwriter auch hinsichtlich des Inhalts
autonom vorging.
Keine
der beiden "Betrugssituationen", von denen Genette spricht (s.o.) passen so
recht auf auf diesen Fall. Cantlie ist weder ein normaler Ghostwriter, noch ist
das Werk als Apokryph zu bezeichnen – zu offensichtlich ist zumindest seine
Mitwirkung. Bei Genette scheint mir eine Möglichkeit ausgelassen: Die
Gemeinschaftsproduktion mehrerer Autoren (=narrative Instanz), von denen nur
einer genannt wird (=impliziter Autor). Ganz gleich, wie groß der Beitrag
des genannten Autors sein mag: Er wäre nicht deckungsgleich mit der
narrativen Instanz.
Selbst
wenn man Wong nicht uneingeschränkt folgen mag und dieses Buch nicht als
von Cantlie allein, sondern als gemeinschaftlich verfasst ansieht: Die naive
Gleichung Autor = Ich-Erzähler = Sun, die in der Geschichtsschreibung
vielfach praktiziert wurde, geht in keinem Fall auf.
Für
die zukünftige Rezeption und Interpretation von
Kidnapped in
London hat die Annahme von Cantlies
eigenständiger Autorenschaft weitreichende Folgen: Nicht primär Suns,
sondern Cantlies Standpunkt und Intentionen müssen Gegenstand der
Untersuchung sein. Dabei soll nicht unterstellt werden, dass nicht auch Sun mit
der Publikation eigene Interessen verfolgte: Die Einnahmen werden ihm genauso
willkommen gewesen sein wie die Publicity, die er für seine politische
Sache nutzbar zu machen hoffte. Diese Ziele wurden jedoch schon durch die
Publikation an sich in Angriff genommen, der Inhalt des Buches war dabei
sekundär. Inhaltlich wird Sun – zu Recht – voller Vertrauen
darauf gewesen sein, dass Cantlie ihn und seine Sache den Briten
bestmöglich verkaufen würde.
Die
Behandlung dieses Textes als autobiografische primäre Quelle zu Sun Wen ist
somit obsolet. Dennoch gibt es gute Gründe,
Kidnapped in
London nicht zu ignorieren: Erstens als
wertvolle sekundäre Quelle, denn es finden sich darin authentische Spuren
mündlicher Berichte Suns, über die Cantlie, teils exklusiv,
verfügte. Zweitens brachte seine offizielle Verfasserschaft Sun in die
Situation, in späteren Publikationen zur Darstellung einiger Sachverhalte
in Kidnapped in
London Stellung nehmen zu müssen
– und stellte ihn vor die Aufgabe, einige "seiner" früheren Angaben zu
revidieren, ohne sich zugleich selbst der Lüge zu bezichtigen. Drittens
ändert die Verfasserschaft Cantlies nichts an der bisherigen
Rezeptionsgeschichte des Werkes. Und schließlich lohnt ein Blick auf die
Lehren, die Sun hinsichtlich eigener Selbstdarstellungsstrategien aus dem
Vorbild Cantlies ziehen konnte.