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Suns Image

Die britische Presse war von Sun nach seiner Freilassung nicht etwa wegen seiner als zwielichtig empfundenen revolutionären Umtriebe,[41] sondern deshalb angetan, weil sich hier ein Chinese präsentierte, der eine westliche Ausbildung genossen hatte, Christ war, Englisch sprach und "dressed as Englishmen dress".[42] Mindestens vier Illustrierte druckten Bilder von Sun in westlicher Kleidung.[43] Er verkörperte ein neues, modernes China, das dem Westen sprachlich und kulturell plötzlich ganz nahe schien. Mit sicherem Gespür für die Bedeutung dieses Images lässt der Verfasser von Kidnapped in London kein Detail aus: Suns Medizinstudium steht gleich zu Beginn des Berichts an prominentester Stelle. Und der Verwandlung eines traditionellen Chinesen mit Zopf in einen modernen Asiaten westlichen Typs wird beinahe eine Buchseite eingeräumt – das ist angesichts der Knappheit des Berichts sehr viel. In diesem Zusammenhang berichtet Cantlie von dem angeblich zufälligen Zusammentreffen in Honolulu. Dieses Treffen – das in kaum einer Sun-Biografie fehlt – ist ziemlich unglaubwürdig. Die Episode macht eigentlich nur Sinn als dramaturgisches Mittel, um die Radikalität von Suns Veränderung noch einmal zu unterstreichen.[44]
Die Information, dass Sun Christ sei, baut der Verfasser geschickt in den Bericht von der Haftzeit Suns ein. Indem er über seine Gebete berichtet, bewirkt er einen intensiveren Eindruck von Suns Religiosität, als das durch die bloße Erwähnung seiner Religion möglich gewesen wäre. Dass diese Passage auf einem authentischen Bericht Suns beruht, ist allerdings wahrscheinlich: In einem im November 1896 geschriebenen Brief an einen befreundeten chinesischen Christen in Hongkong beschreibt Sun, wie sehr ihm seine Gebete geholfen hätten, diese schwierige Phase durchzustehen.[45]
Bei aller Betonung der "Westlichkeit" Suns vermeidet der Autor jegliche Information zu Suns Jugend in Honolulu. Vielleicht wollte er einfach nicht so weit ausholen, vielleicht aber auch keine Zweifel an der chinesischen Identität Suns aufkommen lassen. Für den Idealisten Cantlie verkörperte Sun Wen den Idealtypus einer neuen Generation von Chinesen, die, patriotisch gesinnt und verwurzelt in der chinesischen Kultur, zugleich westlich-christlich geprägt und ausgebildet war und dazu beitragen sollte, China zu reformieren und zu christianisieren. Das Eingeständnis der Tatsache, dass Sun eher ein 華僑 huaqiao, ein Überseechinese, als ein "echter" Kantonese war, hätte die Hoffnungen, die Cantlie in die "Young China"-Generation setzte, als allzu blauäugig entlarvt.

[41] Vgl. die zeitgenössischen Pressestimmen zu "...this revolutionary business" (Daily Chronicle, 24. Oktober 1896, S.5).
[42] Daily News, London, 24. Oktober 1896, S.5.
[43] S. Wong, Origins, S.176.
[44] Die andere Deutungsmöglichkeit wäre, dass Sun und Cantlie in Honolulu verabredet waren. In diesem Fall wäre aber die Darstellung als Zufall unsinnig: Sollte eine Verabredung verschwiegen werden, so hätte der Verfasser die ganze Episode unerwähnt lassen können.
[45] SZQJ, Bd.1, S.45f.
Als Faksimile nachgedruckt in 國父孫中山先生畫傳 = A Pictorial Biography of Dr. Sun Yat-sen, Hongkong 1965, S.27.