Titelseite Zurück Weiter Inhaltsverzeichnis | Die frühen Londoner Texte > Kidnapped in London >Analyse >Der Verhaftungsgrund

Der Verhaftungsgrund

Als Verhaftungsgrund wird in Kidnapped in London eine Eingabe genannt, die Sun an das 總理衙門 Zongli Yamen[46] gerichtet haben soll und die den Kaiser verärgert habe.[47] Damit blendet der Verfasser den Guangzhouer Aufstand, den er vorher wortreich und dennoch nichtssagend geschildert hatte, plötzlich wieder aus.
Dieses Erklärungsmuster stammt aus der zweiten Pressekonferenz, die am Abend nach Suns Freilassung stattfand. Hier erklärte er, er sei verhaftet worden "for sending a memorial for reform in China".[48] Nachdem er unmittelbar nach der Befreiung zu diesem Thema gar nichts hatte sagen wollen, hatte Sun vor seinem zweiten Zusammentreffen mit der Presse Gelegenheit gehabt, über eine geeignete Antwort auf derartige Fragen nachzudenken und sich darüber bei einem Abendessen im cantlieschen Hause mit Cantlie und anderen auszutauschen. Das Resultat der Überlegungen war, dass Sun sich ab der zweiten Pressekonferenz als Reformer, nicht als Revolutionär präsentierte. Diese Strategie übernimmt Cantlie in Kidnapped in London. Sun selbst hielt diese Version nicht allzu lange durch: In seinem Brief an Giles ist von der Eingabe keine Rede mehr – ein deutliches Indiz dafür, dass die Reformer-Version in erster Linie Cantlies Idee war.

[46] Kurz für 總理各國事務衙門 Zongli geguo shiwu yamen (Hauptamt für die Angelegenheiten aller Staaten). 1860 auf Druck der westlichen Mächte eingerichtetes Amt, das faktisch das Außenministerium war.
[47] Gemeint ist die Petition Suns an Li Hongzhang 1894. Darin machte er Vorschläge zur Modernisierung Chinas und empfahl sich selbst aufgrund seiner westlichen Ausbildung als Berater Lis. Zur Überbringung der Petition war er extra nach Beijing gereist. Li Hongzhang, beschäftigt mit dem Chinesisch-Japanischen Krieg, empfing Sun nicht, das Schreiben hat er vermutlich nie gelesen.
[48] Wong, Origins; S. 172.