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Macartney

In Kidnapped in London wird der britische Gesandtschaftsattaché Sir Halliday Macartney als der verantwortliche Drahtzieher der Entführung dargestellt. Eine Diskussion der Fakten, die diese Darstellung bestätigen oder widerlegen könnten, würde zu weit vom Thema dieser Arbeit wegführen.[49] In diesem Zusammenhang ist nur von Bedeutung, dass Sun in seinem Verhör bei Scotland Yard Macartneys Rolle aus seiner Sicht wie folgt zusammenfasste: "The only occasions on which I saw Sir Halliday Macartney were when I arrived and when I left."[50] Diese erheblich abweichende Darstellung – mehrere Passagen in Kidnapped in London sind demnach frei erfunden bzw. Macartney wurden Gespräche zugeordnet, die Sun tatsächlich mit einer anderen Person führte – deutet auf ein besonderes Interesse Cantlies hin, Macartney als Bösewicht zu diffamieren. Diese Einschätzung wird durch eine regelrechte Anti-Macartney-Pressekampagne, die Cantlie nach Sun Wens Freilassung lostrat, bestärkt.[51] Es scheint, dass der Schotte Cantlie über die Mitwirkung eines Landsmannes an der, wie er es empfand, überaus schändlichen Entführung so empört war, dass er sich mit den dürren Fakten nicht zufrieden geben mochte. Sun selbst hätte keinen Grund gehabt, die Rolle dieses ihm bis dato unbekannten Mannes in besonders düsteren Farben zu malen.
Ein zweiter denkbarer Grund für diese Darstellung ist ein rein dramaturgischer: Macartney wird als böser Widersacher des guten Helden aufgebaut, nur um diesen noch strahlender erscheinen zu lassen. Es erscheint äußerst unwahrscheinlich, dass Sun sich ein derart trickreiches Stilmittel hätte erdenken können. Cantlie dagegen, der nicht nur Medizin, sondern auch englische Literatur studiert hatte, verfügte über das nötige Repertoire.
Die Urheberschaft des Macartney-Komplexes ist in jedem Fall allein Cantlie zuzuordnen.

[49] Wong untersucht Macartneys Rolle und die Pressestimmen zum Thema ausführlich: Origins; S.65-113.
[50] Archiv des Foreign Office, FO 17/1718; S. 119-120. Zitiert nach Wong, Origins, S.104.
[51] S. Wong, Origins; S.190f.