Reformer
oder Revolutionär? Der Guangzhouer Aufstand
Cantlies
Darstellung dieses heiklen Themas lässt sich folgendermaßen
skizzieren: Eine Gruppe von Reformern, die "Young China"-Partei, habe versucht,
mit sanften Mitteln, u.a. durch eine Eingabe an das Zongli Yamen, politische
Reformen und die Modernisierung Chinas voranzubringen. Durch Repressionen in die
Enge getrieben, seien die Reformer militanter geworden und hätten geplant,
Guangzhou einzunehmen – ohne Blutvergießen selbstredend. Ohne das
ausdrücklich zu sagen, stellt Cantlie dieses Vorgehen als einen durch die
chinesische Obrigkeit ausgelösten Fehltritt dar, der Sun bzw. die ganze
"Young China"-Partei vom rechten reformerischen Wege abbrachte. Nun, nach dem
kläglichen Scheitern des Aufstandes und belehrt durch weisen britischen
Rat, hat der Reformer Sun mit einer Revolution nichts mehr im Sinn. Was Suns
Rolle bei dem Guangzhouer Geschehen gewesen war, dazu schweigt sich Cantlie
ohnehin gänzlich aus. Er impliziert lediglich, dass Sun dem
Führungsstab angehört habe. Durch die Beförderung der Eingabe an
Li Hongzhang zum Verhaftungsgrund wird die Bedeutung des Guangzhouer Aufstandes
aus der Sicht der chinesischen Regierung heruntergespielt – folgt man der
Darstellung, so macht es keinen Unterschied, ob es den Aufstand überhaupt
gab oder nicht.
Cantlie
lag nicht nur das reformerische Image Suns am Herzen, ihm ging es mehr um seine
echte Einsicht. Er hoffte, Sun würde in London seine medizinische
Ausbildung vertiefen und seine Karriere als Arzt in China fortsetzen. Er wollte
seinen Lieblingsstudenten nicht an eine dubiose Revolutionsbewegung verlieren,
sondern ihn lieber auf einen langen, beruflich wie politisch-missionarisch
erfolgreichen Marsch durch die Institutionen
schicken.[52]
Seine ganze Darstellung ist gekennzeichnet durch den Versuch, Sun als prominente
Reformerfigur
innerhalb
des Systems auszuformen.