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Analyse

Suns Schreiben an Giles vermittelt einen guten Einblick in das Selbstbild Suns, seine Ambitionen und politischen Vorstellungen in dieser frühen Phase seiner Laufbahn.
Die Qing-Regierung bedenkt er mit aggressivem Vokabular und offenbart so eine anti-mandschurische Grundhaltung. Er gibt der Qing-Dynastie bzw. den Manzhou alle Schuld an den herrschenden Verhältnissen in China. Die Begriffsgruppen, die Sun gegenüberstellt, sind: Manzhou–Tyrannei und Korruption–Rückständigkeit und Verfall einerseits und Han–Demokratie–Prosperität, Tradition in Harmonie mit der Moderne andererseits.
Sun macht detaillierte Angaben zu Lebensdaten und Ausbildungsgang sowie dem Hin und Her zwischen seinen Wohnorten. Der Beginn liest sich wie ein typischer Lexikoneintrag. Im Unterschied zu üblichen Kurzbiografien fehlt eine Angabe zur Abstammung – zumindest den Namen seines Vaters würde man an dieser Stelle erwarten. Eine Ungenauigkeit in der Chronologie unterläuft ihm, sie betrifft die Dauer des Honolulu-Aufenthalts: Suns Übersiedlung nach Honolulu fand nicht mit 13, sondern erst mit 14 sui (1879) statt. Er besuchte das Iolani College zwischen 1880 und 1882, also mit 15-17 sui. Ein Jahr darauf, mit 18 sui, schickte sein Bruder ihn zurück. Hier trifft sich Suns Chronologie mit den Fakten wieder. Da irgendwo zwischen der Dorfschule und dem Iolani College noch ein zusätzliches Schuljahr auf der Strecke geblieben ist, reduziert sich sein tatsächlicher Schulbesuch auf Honolulu auf 3-4 statt der im Text implizierten 5-6 Jahre. Man könnte diese Abweichung für zufällig und marginal halten, wenn hier nicht ein Muster auftauchte, das sich später in krasserer Form wiederholt.[74]
Keine Erwähnung finden seine Berufstätigkeit als Apotheker und Arzt in Macao und Guangzhou, die Petition an Li Hongzhang[75] im Jahre 1894 und persönliche, Sun charakterisierende Elemente. Einzig seinen frühen Hang zum Christentum und seine Faszination für westliche Technologie bringt er en passant unter. Den familiären Hintergrund blendet er aus, seine Ehefrau und seine Kinder werden gar nicht erwähnt, Mutter und Bruder nur ganz nebenbei.[76]
Im Unterschied zum Medizinstudium, das Sun unter dem Aspekt "westliche Ausbildung" wichtig für seinen Lebenslauf zu sein scheint, würde die Erwähnung seiner Tätigkeit als Arzt wohl nur von seiner eigentlichen Berufung, der Rettung Chinas, ablenken. Warum die Eingabe an Li Hongzhang, die in Kidnapped in London immerhin als Grund für seine Verfolgung durch die chinesische Obrigkeit herhalten muss, in diesem Text gar nicht vorkommt, kann nur vermutet werden: Es wäre sicher schwierig für Sun gewesen, in aller Kürze verständlich zu machen, warum er sich nur zwei Jahre zuvor bei der so verhassten Qing-Regierung um eine Anstellung als Berater bemüht hatte.
Sun schreibt zwar sehr emotional und bildreich über das aus seiner Sicht verottete Manzhou-Regime und seine Ambitionen, es zu stürzen und China zu erneuern. Konkrete Informationen über seine Rolle innerhalb der Opposition und deren Aktivitäten sucht man in diesem Text jedoch vergeblich. So wird selbst der fehlgeschlagene Aufstand in Guangzhou bis zur Unkenntlichkeit umschrieben, die anschließende Flucht via Japan, Honolulu und die USA nach England avanciert gar zum Englandbesuch aus Interesse.
Schon beim ersten Presseinterview nach seiner Befreiung war Sun nicht gewillt gewesen, sich zu den Vorgängen in Guangzhou zu äußern. Offenkundig war ihm bewusst, das er die Gunst des britischen Publikums mit jedem falschen Wort aufs Spiel setzen konnte. Überdies musste er damit rechnen, dass alles, was er zum Hergang sagen würde, früher oder später auch von chinesischer Seite rezipiert werden würde.[77] Es gab keine glaubwürdige und zugleich für alle Parteien – die Briten, die chinesischen Revolutionäre/Reformer, Sun selbst – akzeptable Version des Hergangs. So übte er sich in beredtem Schweigen und versuchte einen im Grunde unmöglichen Spagat zwischen dem Auftritt eines Oppositionsführers, der mit nicht näher bezeichneten Mitteln den Sturz des alten Regimes betreibt, einerseits und dem Vermeiden des – besonders in England – gar nicht gern gehörten Wortes "Revolutionär" andererseits. Deutlicher als mit den Worten, er sei bereit, durch "Feuer und siedendes Öl" zu gehen, um "Helden" um sich zu sammeln, das "Banner der Gerechtigkeit" zu hissen und "China wiederzubeleben", konnte er seinen Anspruch auf die Führungsrolle beim Sturz des alten und Aufbau eines neuen China kaum erheben, ohne zugleich die allem Revolutionären abholden Briten abzustoßen. Seine kriegerische Metaphorik lässt dabei eindeutig nicht an Modernisierung und Reformen denken, sondern an Aufstand.
Die Vorbilder, die er am Schluss des Textes etwas unvermittelt aufzählt, machen noch einmal überdeutlich, in welcher Rolle Sun sich sieht: Zwei chinesische Dynastiegründer, ein westlicher demokratischer Revolutionär und Staatsgründer und der Erlöser der Christenheit lassen ein Selbstbild erkennen, das Wong treffend als "saviour of China" tituliert.[78]
Wie bei einigen anderen Passagen des Textes ist eine Auslassung auch hier mindestens so sprechend wie die genannten Namen: Suns großes Vorbild Hong Xiuquan, der Führer der Taiping-Revolution, fehlt in der Reihe.[79]

[74] S. Kap.4.3.2.5. dieser Arbeit.
[75] S. Kap.2.2.4.2. dieser Arbeit.
[76] Sun Wen war seit 1885 verheiratet mit 盧慕貞 Lu Muzhen (1867-1952). Das Ehepaar hatte drei Kinder: 孫科 Sun Ke (1891-1973; besser bekannt als Sun Fo, der kantonesischen Aussprache seines Namens), 孫女延 Sun Yan (1895-1913) und孫婉 Sun Wan (1896-1979). Seine Familie, die Mutter eingeschlossen, floh nach dem fehlgeschlagenen Guangzhouer Aufstand zu Suns älterem Bruder 孫眉 Sun Mei (1854-1915) nach Honolulu. Der Vater 孫達成 Sun Dacheng (1813-1888) war einige Jahre zuvor gestorben. (Namen und Lebensdaten nach dem 孫中山辭典 Sun Zhongshan cidian, 1994.)
[77] Zu Suns Presseerklärungen s. Wong, Origins; S. 169-173.
[78] Wong, Origins; S. 298.
[79] Vgl. Lee, Ta-ling: Foundations of the Chinese Revolution, 1905-1912 : An historical record of the T'ung Meng Hui, New York 1970, S.5.