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Analyse

Auch wenn in der Überschrift die Richtigstellung zahlreicher Sun Wens Biografie betreffender Irrtümer der westlichen Presse angekündigt wird: In My Reminiscences stimmt beinahe kein Satz mit den Fakten überein. Die falschen Angaben sind so zahlreich und gravierend, dass sich nach der ersten Lektüre des Textes zunächst Heiterkeit, dann ein Gefühl der Ratlosigkeit einstellte.
Mein erster Impuls war, den Artikel für ein eilig zusammengeschustertes Machwerk eines unseriösen Journalisten zu halten, der in Wirklichkeit nie mit Sun gesprochen hatte. Diese Theorie macht jedoch, auch wenn ich sie nicht zweifelsfrei widerlegen kann, wenig Sinn: Zwar war das Strand Magazine als Literaturzeitschrift vorrangig der literarischen Qualität seiner Texte verpflichtet. Das hohe Ansehen, das das Blatt genoss, wäre jedoch nicht mit solchen journalistischen Methoden in Einklang zu bringen gewesen. Und einen mit so vielen detailreich ausgemalten Lügen gespickten Text selbst zu erdenken, hätte, so paradox das klingen mag, wesentlich mehr Sachkenntnis erfordert, als von einem Journalisten einer Londoner Literaturzeitschrift zu erwarten wäre. Und hätte er über die nötige Sachkenntnis verfügt, müsste man nach seiner Intention fragen, die Tatsachen derart zu verzerren.
Hätte er dagegen tatsächlich Irrtümer ausräumen und seriös informieren wollen, ohne dabei seine Informationen von Sun zu beziehen, dann wäre unter anderem ein Blick in Giles' CBD naheliegend gewesen, wo er wenigstens zu Suns ersten 30 Jahren biografische Angaben hätte finden können. Offenkundig konsultierte er es nicht. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass dieser Lebensbericht Sun Wens tatsächlich aus dessen eigenem Munde stammt und der Aufzeichner/Bearbeiter keine eigenen Intentionen ins Spiel brachte außer solchen, die sein journalistisches Handwerk betrafen. Er wird den Text sprachlich geschliffen und neu geordnet, eventuell auch Informationslücken, die sich ihm bei der Nachbearbeitung auftaten, mittels anderer Quellen gestopft haben. Es ist wahrscheinlich, dass sich bei der Bearbeitung kleinere Fehler eingeschlichen haben. Er hatte aber kein Motiv, größere inhaltliche Abänderungen vorzunehmen oder Sun in anderem Licht darzustellen, als dieser selbst es getan hatte.[107]
Bei der Interpretation des Textes gehe ich daher davon aus, dass es sich um die inhaltlich weitgehend akkurate Wiedergabe eines mündlichen Berichts Suns handelt. Folglich betrachte ich den realen Autor, d.h. den unbekannten Journalisten des Strand Magazine, als interpretatorisch zu vernachlässigende Größe und frage, anders als im Fall von Kidnapped in London, nach Sun Wens Motiven, die Sachverhalte in der gegebenen Weise darzustellen.

[107] Allerdings kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass eine dritte Partei, z.B. James Cantlie, direkten oder indirekten Einfluss auf den Inhalt nahm.