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Zwischen 1896 und 1911

Nach seinem Londonaufenthalt 1896/97 will Sun in Paris gewesen sein. Tatsächlich schiffte er sich Anfang Juli 1897 in Liverpool via Kanada nach Japan ein. Während seines Londonaufenthalts hatte er keine Reisen aufs europäische Festland unternommen.[115]
In der Zeit des Boxeraufstandes will Sun in China gewesen sein, "speaking and writing and lecturing", sein Leben in doppelter Gefahr durch die chinesische Obrigkeit und die fremdenfeindlichen Boxer.[116] Die Legenden, die sich um sein gefahrvolles Leben dort ranken, evozieren ein für die englische Leserschaft halb vertraut wirkendes, halb exotisch-geheimnisvolles Chinabild. Zugleich lassen sie an christliche Legenden, etwa aus dem Leben Jesu, denken. Und sie dienen als Beleg für Suns Verwurzelung in seiner chinesischen Heimat.
Tatsächlich war Sun in den 16 Jahren zwischen 1895 und 1911 nur ein einziges Mal für kurze Zeit auf chinesischem Boden: In Guangxi während der Erhebung vom Dezember 1907.[117] Keine der erzählten Geschichten kann also in der geschilderten Weise oder auch nur so ähnlich stattgefunden haben. In den Jahren vor 1911 kursierten vor allem unter den Auslandschinesen, die mit Sun sympathisierten, viele solcher Märchen, die von seinem abenteuerlichen Leben berichteten.[118] My Reminiscences belegt, dass Sun kräftig an dieser Art der Mythenbildung mitgewirkt hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob die hier beschriebenen Geschichten von ihm selbst erfunden oder nur nacherzählt worden sind.
Im gleichen Zeitraum fand in China angeblich auch die Begegnung mit Homer Lea statt. Die prominente Rolle, die Lea in den Reminiscences spielt, ist sicher dadurch begründet, dass Sun und Lea gemeinsam in London waren. Lea konnte sich geschmeichelt fühlen, so ausführlich gewürdigt zu werden, und Sun nutzte die Gelegenheit, seine eigene Bedeutung in den Augen derjenigen, um deren Gunst er in London warb, zu erhöhen, indem er seinen "starken" Partner präsentierte. Schwerwiegender als die räumliche Verlagerung der Begegnung zwischen den beiden Männern von den Vereinigten Staaten nach China wiegt die Verschiebung des Zeitpunkts: Im genannten Zeitraum hatte Lea noch auf Seiten der 保皇會 Baohuanghui (Gesellschaft zum Schutz des Kaisers) von Kang Youwei und Liang Qichao gestanden. Erst wesentlich später, 1910, nach dem Niedergang der Baohuanghui, wechselte Lea zu Suns Seite über.[119] Die beiden kannten sich also Ende 1911 noch nicht einmal 2 Jahre, statt, wie von Sun behauptet, ca. 11 Jahre. Sun beraubt so die Baohuanghui "posthum" ihres Bundesgenossen und radiert sie darüber hinaus in seiner Version der Geschichte aus.
Hier wiederholt sich die Methode, nach der Sun bei der Gelaohui und – ohne sie zu nennen – der Huaxinghui vorgegangen war.

[115] Luo Jialun, Guofu nianpu chugao, Bd.1, Taibei 1958, S.75.
[116] Strand Magazine, Bd.43 (1912), S. 304.
[117] Bergère, Sun Yat-sen, S. 67.
[118] S. z.B. James Cantlie u. C. Sheridan Jones, Sun Yat-Sen and the Awakening of China, New York u.a. 1912, S.51ff.
[119] Bergère, Sun Yat-sen, S.220f; Schiffrin, Reluctant Revolutionary, S.137f. Schiffrin hält es für möglich, dass Sun und Lea sich 1904 schon einmal begegnet waren. Lea war zu dieser Zeit in jedem Fall fest auf der Seite Kang Youweis.