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Zeitgenössische Rezeption

Da es sich bei My Reminiscences lediglich um einen Zeitschriftenartikel handelt, gibt es, im Gegensatz zu 1897, keine Reaktion der britischen Presse zu verzeichnen – zumal, wie bereits gesagt, das Interesse der westlichen Öffentlichkeit an Sun Wen zu diesem Zeitpunkt eher gering war.
Nur J.O.P. Bland, der langjährige Shanghaier Times-Korrespondent, selbst nicht eben ein Garant für seriöse Information,[121] äußerte sich 1912 wenig schmeichelhaft zu dem Artikel:
"[Sun] knows how to épater son bourgeois; witness his article in the Strand Magazine for March, 1912, a work of constructive memory as fantastic as the libretto of a musical comedy. The boyish bombast of his words and deeds is apt, indeed, to give us pause: as, for instance, when he engages 'General' Homer Lea to organise the Republican army of China, or when he informs the British public that he 'can count upon millions of followers who will follow him to the death, as they have followed his teachings'."[122]
Andere zeitgenössische westliche Chinakenner werden ähnlich über den Artikel gedacht haben. Es darf aber auch nicht übersehen werden, dass zu dieser Zeit verlässliche Informationen über Suns Leben nicht vorlagen. In den 15 Jahren zwischen der Autobiografie für Giles und der Veröffentlichung der Reminiscences gab es außer Gerüchten, Propaganda und stark von persönlichen Neigungen gefärbten Berichten nichts zum Thema zu lesen. Selbst informierte Zeitgenossen hatten daher kaum die Möglichkeit, aus den vielen Informationen vom Hörensagen die brauchbaren herauszufiltern. So konnte Bland zwar das groteske Auseinanderklaffen von Suns Selbstbild und den machtpolitischen Realitäten konstatieren, von den sachlichen Fehlern in der Biografie wird er einen Gutteil mangels Überprüfungsmöglichkeit nicht bemerkt haben.[123]

[121] Bland war gemeinsam mit E. Backhouse der Verfasser des Machwerks China under the Empress Dowager (London ²1911), das auf gefälschten Dokumenten und frei erfunden Geschichten basierte – wobei Bland wohl in gutem Glauben handelte und, ebenso wie die Leserschaft, von Backhouse getäuscht worden war.
[122] Bland, Recent events and present policies in China (1912), S.226.
[123] Paul Linebarger empfand noch 1919 den "lack of biographical information" als so misslich, dass er sich veranlasst sah, selbst eine Sun-Biografie zu verfassen: Paul Linebarger, Sun Yat Sen and the Chinese Republic, New York 1925; hier: Vorwort S.VIII.