Dieser
Informationsmangel, der noch bis weit nach Suns Tod 1925 anhielt, brachte die
westliche Sunforschung dazu, sogar, trotz der offenkundigen Abweichungen von
anderen Angaben, auf die
Reminiscences
als Informationsquelle
zurückzugreifen. So bediente sich Lyon Sharman in ihrer 1934 erschienenen,
immer noch wertvollen, kritischen Biografie intensiv aus dieser Quelle, deren
Mangel an Glaubwürdigkeit ihr wohl bewusst
war.[124]
Ihre Vorgehensweise, die exemplarisch für mehrere Autoren bis in die
jüngste Zeit stehen kann, lässt sich etwa so skizzieren: Einerseits
schildert sie Sun durchaus hellsichtig als begabten Propagandisten, der die
Wahrheit allemal dem Zweck unterordnet. Andererseits verwendet sie scheinbar
bedenkenlos die Selbstdarstellungen Suns zur Klärung offener Sachverhalte
oder um den Text durch ein Zitat zu unterfüttern. Vorrangig zieht sie
hierzu das von ihr
"Autobiography"
genannte
有志竟成You zhi jing
cheng heran, aber auch aus Suns
Reminiscences
zitiert sie mehrere
Passagen.[125]
Die Auswahl dessen, was als zitabel erachtet wird, nimmt sie nach einer
Glaubwürdigkeitsabwägung vor: Was sich gut in für gesichert
gehaltene Sachverhalte fügt, wird für korrekt befunden und darf als
deren Beleg dienen, was anderen, verlässlicheren Quellen widerspricht, wird
als Zweckpropaganda, ergo als unbrauchbar, verworfen.
[124]
So schreibt sie zu einem Meineid, den Sun 1904 leistete, um die amerikanische
Staatsbürgerschaft zu erhalten: "That he deliberately misrepresented facts
to serve his ends gives the biographer a lessened sense of security in using Sun
Yat-sen's statements about himself and makes it obligatory to check them with
more than ordinary care. The incident makes other misrepresentations, when
discovered, seem not altogether out of character." (Sharman,
Sun
Yat-sen, S.80)