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Einleitung

Die Verehrung Sun Wens als 國父 guofu (Vater der Nation) entwickelte sich in den späten Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts und wirkt in beiden Chinas bis heute nach.[1] Besonders in Taiwan wird Sun von Staats wegen gleichsam als Heiliger verehrt. In beiden Ländern spielt er eine bedeutende Rolle als nationaler Identitätsstifter und zur Herrschaftslegitimation der jeweiligen Regierung. Allzu kritische Töne über ihn sind auch heute noch, mehr als 70 Jahre nach seinem Tod, weder aus Taiwan noch aus der VR zu erwarten. Mit dem Menschen Sun Wen hat dieser guofu nur wenig gemein.
Anders verhält es sich außerhalb Chinas: Vor der Revolution von 1911 wurde v.a. in diplomatischen Kreisen Suns Rolle in der chinesischen Politik gering eingeschätzt, Sun selbst, wenn er überhaupt nennenswerte Beachtung fand, als aufschneiderischer und windiger Auslandschinese charakterisiert. Nach der Revolution fiel er in der westlichen Öffentlichkeit nach einer relativ kurzen Phase der Aufmerksamkeit bald wieder dem Vergessen anheim.

[1] Douglas R. Reynolds, China 1898-1912. The Xinzheng Revolution and Japan, Cambridge, MA 1993, S.3.
John Y. Wong, The Origins of an Heroic Image. Sun Yatsen in London, 1896-1897, Hongkong u.a., 1986, S.2u.4. Nach Wong lässt sich die Entstehung des guofu-Begriffs in die Zeit nach Suns Tod datieren, 1930 sei der Begriff dann fest etabliert.