Schluss
Wer
die autobiografischen Darstellungen Sun Wens mit einer durch westliche
Autobiografien geprägten Erwartungshaltung liest, wird unweigerlich
enttäuscht sein: Keiner der hier untersuchten Texte ist als Autobiografie
im klassischen Sinn zu bezeichnen. Allen Texten ist gemein, dass Sun über
sein Privat- und Familienleben nur so viel Auskunft gibt, wie zur Darstellung
der Sachverhalte, um die es ihm geht, nötig ist. Er beschränkt sich
weitgehend auf die Darstellung seiner Rolle in der Revolution, ein Bild des
Menschen Sun Wen lässt sich kaum aus diesen Texten gewinnen.
Persönliches Mitteilungsbedürfnis oder gar literarischer
Schaffensdrang sind nicht die Motive, die Sun zum Verfassen seiner
Selbstdarstellungen veranlasst haben. Die ersten drei der untersuchten vier
autobiografischen Darstellungen sind nicht auf Suns eigene Initiative hin
entstanden – und alle in London.
Die
quantitative wie qualitative Kargheit der autobiografischen Texte Suns ist nicht
untypisch in seiner Epoche. Wolfgang Bauer, der dieses Phänomen am Beispiel
der Schriftstellerin und Revolutionärin Qiu Jin zu erklären versucht,
schreibt dazu:
"Bei der Lektüre der Schriften gewinnt
man den Eindruck, daß sie [Qiu] von ihrer Aufgabe so erfüllt war,
daß ihr daneben einfach nicht die Zeit blieb, an sich selbst zu denken,
daß sie also fast völlig hinter ihrer selbstgewählten Rolle
verschwand. Dieses Phänomen [...] erklärt, warum [...] gerade die
Autobiographien von Menschen, die einen großen Einfluß auf ihre Zeit
ausübten, oft so wenig über sie selbst aussagen – nicht
bloß deshalb, weil sie sich angesichts ihrer Bekanntheit bedeckt zu halten
versuchten, sondern weil sie ihre ungewöhnliche Wirkung vielleicht
tatsächlich auch ihrer ungewöhnlichen Außengerichtetheit
verdankten."[196]
Um
wieviel mehr trifft das auf Sun zu, der ja, anders als Qiu Jin, nicht auch
Schriftsteller, sondern ausschließlich Politiker war!
Es
ist, besonders durch den Vergleich der verschiedenen Texte, deutlich geworden,
dass Sun seine autobiografischen Darstellungen inhaltlich und formal stets
konkreten Zwecken und den Anforderungen der Situation unterordnet. Ihm geht es
nicht um "Wahrheit", sondern primär um Funktionalität. Welche Zwecke
er – und andere – mit den Texten jeweils verfolgen, habe ich in den
einzelnen Kapiteln dargelegt. Die Motivpalette reicht von der Einflussnahme auf
die Geschichtsschreibung bis zum Geld Verdienen.
Der
früheste Text,
Kidnapped in
London, nimmt eine Sonderstellung ein,
da Sun gar nicht dessen Verfasser ist und offenkundig auch kaum direkten
Einfluss auf den Inhalt nahm. Für die Beurteilung von Suns menschlicher und
politischer Entwicklung sollte dieser Text nicht oder nur mit
allergrößter Vorsicht herangezogen werden. Wirkungsgeschichtlich ist
Kidnapped in
London dennoch von großer
Bedeutung – die Wirkung auf Sun selbst eingeschlossen.
Ein
ausgeprägter Egozentrismus und der Alleinherrschaftsanspruch über
"seine" Revolution ziehen sich wie ein roter Faden durch alle von Sun selbst
verfassten Selbstdarstellungen, ebenso sein messianisches Selbstbild. Bei diesen
zentralen Topoi ist zwischen dem ersten Text 1896 und dem letzten 1918 keine
wesentliche Entwicklung zu verzeichnen.
In
anderen Punkten erweist sich Sun als flexibel genug, seine
Darstellungsstrategien den Erfordernissen anzupassen: Suns Zeit als
Jungrevolutionär ist in puncto Außendarstellung von der Schwierigkeit
geprägt, sich gleichzeitig als friedlicher Reformer und als
Revolutionsführer verkaufen zu müssen. Cantlies Methode, diese
Quadratur des Kreises zu bewerkstelligen, übernimmt Sun noch bis zu den
Reminiscences
(1911). Später muss er es fertigbringen, sich als westlicher ausgebildeter
Christ, der den Großteil seines Lebens außerhalb Chinas verbrachte,
einerseits und als "richtiger" Chinese andererseits zu präsentieren
– auch dies eine Aufgabe, die er in
den
Reminiscences zu lösen versteht.
Die dritte paradoxe Aufgabe, vor der er beim Verfassen von
YZJC
steht, ist, eine Revolution für sich zu beanspruchen, an der er in allen
entscheidenden Punkten keinen oder wenig Anteil gehabt hat. Besonders bei diesem
letzten der untersuchten Texte gelingt es Sun, seine Version der Revolution in
alle Geschichtsbücher einzuschreiben.
Es
sollte deutlich geworden sein, dass ein naiver Umgang mit diesen Texten als
biografischer Materialsteinbruch nicht zu verlässlichen Erkenntnissen
führen kann. Leider ist eine solche Herangehensweise, häufig wider
besseres Wissen, bis in die jüngste Zeit verbreitet. Besonders ist zu
hoffen, dass die chinesische, v.a. taiwanische, Sun-Forschung sich von ihrem
Dogma der unzweifelhaften Ehrlichkeit Sun Wens löst, das den Blick auf die
interessanteren Fragen an Suns autobiografische Texte verstellt.
Im
Rahmen dieser Arbeit konnte ich die autobiografischen Darstellungen Sun Wens im
Ganzen nur oberflächlich untersuchen und lediglich punktuell in die Tiefe
gehen. Jeder der Texte wirft noch genügend offene Fragen für eine
eingehende Einzeluntersuchung auf. Der vergleichende Ansatz hat jedoch
Einsichten über Suns Ziele und Methoden der Selbstdarstellung
ermöglicht, die anders wohl nicht zu erlangen gewesen
wären.